Premium Ads

PORTRAIT

„Ich lebe für die bedeutenden Aufnahmen“: Ein Miesbacher fotografiert im Krieg in der Ukraine

Der Großteil der Leute erfährt vom Krieg in der Ukraine über das Fernsehen. Meistens durch Nachrichten, häufig ohne Videoaufnahmen. Thomas Griesbeck hat diesen Konflikt hautnahe miterlebt. Direkt an vorderster Front.

Der 28 Jahre alte Fotograf aus Miesbach arbeitet als Photojournalist. Er beteiligt sich an Unterstützungsmaßnahmen für Non-Governmental-Organisationen, kurz NGO genannt, und fotografiert dabei die Grausamkeiten des Konflikts, die Verwüstungen, die Notlage sowie das Elend sowohl von Soldaten als auch von Zivilisten. Mehrmals unternahm er Reisen in diese europäische Randgebiete und erforschte sogar den Bereich der menschlichen Seele am Limit. All dies tut er freiwillig und ohne finanzielle Entlohnung.

Jack, wie Griesbeck schon seit seiner Jugendzeit heißt, möchte den Menschen in der Ukraine beistehen. Denjenigen, denen der russische Angriffskrieg vor drei Jahren plötzlich zugeschlagen hat. Er möchte ihnen durch Fotografie und Lebensmittelspenden helfen oder indem er ihnen ein neues Leben ermöglicht, so wie im Fall des Jack. Alexander, dem desertierten Soldaten, der zusammen mit seiner Ehefrau nach Deutschland untergetaucht ist. In Frieden und Freiheit lebend, ohne ständig das Entsetzen des Todes vor Augen haben zu müssen. Ein Mann, der nach zwei Komma fünf Jahren freier volontärer Militärdienst jetzt sein Anrecht auf eine eigene Zukunft geltend macht.

Der Kontakt mit Alex bildete sich am Vorderfrontabschnitt, da der Soldat Deutsch beherrschte und somit den internationalem Fotografen aus Deutschland effektiv absichern konnte. Diese Verbindung intensivierte sich schließlich zur Flucht. Dabei war es niemals Jacks Absicht gewesen, auf die Dauer ein Schmuggler für Menschenreisende in Deutschland zu werden, wie er erklärt: "Es ist einfach dazu gekommen." So wie viele andere Dinge seines Lebens auch.

Erlebnisse aus allen Winkeln der Erde

Griesbeck ist von Erfahrungen begeistert. Daher langweilten ihn als Fotograf schließlich nur noch kommerzielle Aufnahmen für Werbung und Industrie. "Ich wollte echtes Leben kennenlernen und festhalten", erklärt er. Um seine Arbeit zu bereichern, beschloss er, zusätzlich diese Themen abzudecken: Er unternahm Reisen rund um den Globus, erkundete ein Gletscherspaltsystem in den Alpen, verfolgte Nordlichte, durchstreifte Ägyptens Wüsten, teilte das Dasein von Hauslosen in den Straßen von Los Angeles und suchte jene ultimative Freiheit, die dem Protagonisten aus Jon Krakauers Buch über Christopher McCandless' Lebensweg bis zum Tod in Alaska dargestellt wurde. Als digitale Nomade nutzt Griesbeck moderne Technologien, sodass er praktisch jederzeit und überall weltweit publizieren kann.

Miesbachers Interesse gilt den Menschen. Als sein Objektiv durch die Linse schaut, enthüllt es Dinge, die beim ersten Hinsehen oft übersehen werden. Auf diese Weise entstand die Foto-Serie "Im zweiten Blick" , bei dem Griesbeck – wie bereits gemeldet – körperlich beeinträchtigte Personen in alltäglichen Situationen präsentiert, wo der Fokus auf den Menschen selbst liegt und nicht auf ihre Einschränkungen. Erst beim genaueren Hinsehen wird diese Besonderheit deutlich.

„Ich lebe für die bedeutenden Aufnahmen.“

"Ich benötige solche Projekte und Aktivitäten", erklärt er. "Denn sie sind wirklich bedeutend. Für mich zählen nur die bedeutsamen Aufnahmen." Der Gedanke, nach der Ukraine zur Front zu gehen, durchzuckte Griesbeck während eines Skiausflugs im Februar 2022, als auch der DSV-Langläufer-Presseberater Peter Schlickenrieder von Schliersee mit dabei war. "Im Schneegestöber sitzend beobachteten wir den russischen Vorstoß", berichtet Griesbeck. "Da wurde mir klar: Das bin ich schuldig." Obwohl sein winziges Kind damals erst vier Monate alt gewesen sei.

Aber," betonte er, "nur damit ist das noch lange nicht erreicht." Um im Kriegsgebiet überleben zu können, muss man genauso fit und ausgebildet sein wie ein Soldat. Seine Vorbereitung dauerte ein ganzes Jahr und deckte alle Aspekte ab, die fürs Überleben entscheidend sind: Erster Hilfe, Feldmedizin, Verletzungsbearbeitung, Belastbarkeit, Härten auszuhalten, Ausdauer und Fitness. "Als Beispiel habe ich z.B. mit Rucksack auf dem Miesbacher Sportplatz durch hohe Schneefelder laufen müssen", berichtet er. "In solch eine Mission sollte man sich niemals ahnungsfrei stürzen, sondern als Fachmann angehen.

Das war unbedingt erforderlich. In der Nähe des Charkower Frontabschnitts näherte man sich den russischen Positionen bis auf nur noch dreimal drei Kilometer. "Wir befanden uns zudem in der Nähe eines Wasserbehälters, auf dem gegnerische Schützen positioniert waren", berichtet Griesbeck.

Beklemmende Kriegserinnerungen

Die Erfahrungen und Eindrücke prägten ihn maßgeblich. „In mir tobten innerliche Tränen“, berichtet er. Das ausgedehnte, ebene Gelände bot fast keine Deckung an. Die unbedingt notwendige Härte sowie das ebenso uneingeschränkte Vertrauen untereinander zeichneten die ukrainischen Soldaten in den Schützengräben aus. Sie setzten ihr tägliches Leben einzigartigerweise gefährden hin und beschirmten sich gegenseitig. Der Gestank des Konflikts - alles duftete stark nach Ruß und Asche; dazugekommen war der Geruch verwesten Fleisches von Körpern und Kadavern, welche in Kelleranlagen im Nass lagen. Insgesamt spürte man starke Gegensätze verschiedener Empfindungen. Häufig fand Schlaf nur schwer statt.

Weihnachten im Schützengraben

Er hat viele Gespräche mit Soldaten geführt. Sie haben zusammen Weihnachten am Schützengraben verlebt. Drei Stunden vorne an der Frontlinie. Er spricht von Männern, denen er als emotionslos bezeichnet, die ihr Leben abgeschlossen haben, damit sie sich voll und ganz ihrer Pflicht widmen können. Fast alle seien emotional ausgebrannt. Es gehe nur noch darum, funktioniert zu sein. Das sei sehr erschreckend. Für Alex, einen Freund, der jetzt in Deutschland lebt, wurde ihm dieser Zustand letztlich zu viel.

„Das sind alles tapfere Männer.“

Griesbeck betrachtet diese Soldaten geradezu als Helden, weil sie „so tapfere Männer“ sind. Die politischen Aspekte des Ukrainekriegs spielen für den Miesbacher dabei keine zentrale Rolle. Für ihn geht es vielmehr darum, dass „die Menschen, die jahrelang durchgehalten haben“, gewürdigt werden sollten. Denkt speziell an all die Personen, denen er begegnet ist, während er in Karlinka geholfen hat, ein Krankenhaus mit grundlegendem Bedarf auszustatten. Heutzutage befindet sich dieses Krankenhaus bereits unter russischem Kontrolle.

Zumindest: Die Flucht von Alex war erfolgreich. Für ihn bedeutet das eine neue Phase im Leben. Was betrifft Griesbeck? Er sagt: „Irgendwie möchte ich gerne nach der Ukraine zurückkehren und denen auf diese Weise beistehen können. Möglicherweise etwas weiter vom Kampfeinsatz entfernt als vorher.“ Es gibt ständig Angebote für Aufträge außerhalb des Landes. Zugleich strebt er jedoch an, wichtige Berichte zusammenzustellen. Gleichzeitig verspürt er den Drang, Abschied zu nehmen und sich mit dem Krieg in der Ukraine endgültig auszusöhnen – vielleicht ähnlich wie sein Freund Alex. Allerdings hat ihm seine berufliche Erfahrung weltweit beigebracht: „Ehrlich gesagt bin mir bewusst, dass meine persönlichen Probleme relativ klein sind. Ich fühle mich wohl.“ ddy )

Table of Contents [Close]
    Neuere Ältere
    X
    X
    X